Inhaltliche Ausrichtung der 5. Interdisziplinären Sommerakademie Rostock (ISAR 2015)

"Modernes Mittelalter"

Die 5. Interdisziplinäre Sommerakademie Rostock macht es sich zum Ziel, aktuelle wissenschaftliche Diskurse im Bereich der Mittelalterforschung und Mittelalterrezeption einem internationalen Studierendenkreis vorzustellen und gemeinsam mit ihnen produktiv zu diskutieren.

"Das Mittelalter hört nicht auf" (Groebner 2008): Dieser fern-nahe Zeitabschnitt der europäischen Geschichte war nie einfach nur Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzungen, sondern hinterließ seine Spuren in allen Bereichen des kulturellen Lebens vom Barock über das 19. Jahrhundert bis in die heutige Zeit. Ob nun als Gegenentwurf zur Gegenwart oder als Sehnsuchtsort – schon immer war das Mittelalterbild "entzweit" (Oexle 1992). Im populären Bereich boomen Histotainmentangebote, sei es z. B. in Reportagen, in Videospielen und Filmen wie "Die Säulen der Erde" oder "Die Päpstin", in der Musik oder in "Events" wie sog. Mittelaltermärkten. Doch woher rührt diese Faszination für das Mittelalter? Als fremdgewordener Ursprungsort der eigenen Geschichte und Kultur wird das Mittelalter zu einer Projektionsfläche und zu einem sicheren Ort der Aushandlung für gegenwärtige Probleme und Fragen, für unsere eigenen Hoffnungen und Ängste (Freedman 2002). Die Relevanz des Mittelalters zeigt sich entsprechend auch daran, dass im politischen Diskurs die Wurzeln und Ursprünge Europas in dieser Epoche gesucht werden sowie dadurch, dass zahlreiche philosophische Konzepte aus dem Mittelalter in den postmodernen Kulturwissenschaften zur Kritik am Projekt "Moderne" genutzt werden (Holsinger 2005). Die ISAR nähert sich dem Thema "Modernes Mittelalter" und den Kulturkontakt-Phänomenen, die sich damit verbinden, somit aus zweifacher Perspektive: Zum einen werden Phänomene populärer und wissenschaftlicher Mittelalterrezeption vorgestellt und kritisch diskutiert, um die Bedeutung des Mittelalters durch die Zeiten hindurch näher zu beleuchten. In einem zweiten Schritt wird sich die ISAR mit der Frage der "Modernität" des Mittelalters selbst beschäftigen, sich also den zeitgenössischen Bildern von der Welt zuwenden, die die Komplexität und Pluralität mittelalterlicher Geschichts- und Weltentwürfe offenbaren und somit kontrastierend zu gängigen Mittelalterklischees des 20./21. Jahrhunderts stehen. Insgesamt wird der Fokus der ISAR 2015 auf die Re- und Dekonstruktion von Mittelalterbildern gerichtet sein, um diese in der Diskussion historisch zu kontextualisieren, gleichzeitig aber auch um methodisch abgesichert über die Relevanz und den Gegenwartsbezug der Kultur des Mittelalters nachdenken zu können.

Die besondere Eignung des Themas für die ISAR ergibt sich aus einer Grundannahme mediävistischer Forschung, die per se immer als interdisziplinär verstanden wird: Um der hermeneutischen Differenz (Jauß 1977) zwischen damals und heute gerecht zu werden, bedarf es der engen Zusammenarbeit zwischen Sprach- und Literaturwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Theologie, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft und Philosophie. Da sich an der Universität Rostock Wissenschaftler aus eben diesen Disziplinen mit dem Mittelalter beschäftigen und dafür in beständigem Austausch stehen, eignet sich das Thema der ISAR ausgezeichnet, um den Studierenden einen vertieften Einblick in aktuelle akademische Diskurse zu verschaffen und einen analytischen Zugang zu und einen differenzierten Blick auf ein Thema zu erlangen, das in der allgemeinen Wahrnehmung von zahlreichen Klischees, Vorurteilen und romantisierenden Vereinnahmungen geprägt ist.